Die Not der Single-Kinder

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    • Die Not der Single-Kinder

      Die Not der Single-Kinder Teil 1


      Mit Sabine Rupp Tel.: 09174 / 999770 von 8:00 bis 11:00 und ab 20:00 Uhr.
      eMail : Kinderrechte@isuv.de

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      Die Not der Single-Kinder
      oder wie es ist, keinen Vater oder einen unechten Vater zu haben

      Was bitte ist ein „Single-Kind“? Nun, ich bin ein solches. Meine Mutter und mein Vater waren nie verheiratet. Mein Vater war die große Liebe meiner Mutter, aber da er nicht ins Familienbild passte, durfte er nicht mit ihr zusammenleben. Ich bin als „nichteheliches Kind“ aufgewachsen. Mit einem Makel also. In der Schule wurden wir am ersten Tag in jeder neuen Klasse nach unseren Namen und den unserer Eltern gefragt. Zuerst hab ich bei Vater immer gesagt: „Ich hab keinen.“ Als das aber von Jahrgangsstufe zu Jahrgangsstufe zu mehr Gelächter oder Kopfschütteln bei den Mitschülern geführt hat, habe ich meine Mama danach gefragt und seinen Namen auswendig gelernt, wie man ein Gedicht auswendig lernt. Fortan habe ich also wenigstens einen Namen gehabt. Als ich älter wurde, kamen die Fragen von mir nach ihm. Meine Mutter erzählte mir wenig aber durchweg Positives. Meine Tante bezeichnete ihn als Schmarotzer, als Verbrecher, als Ehebrecher, als unzuverlässig.
      Als ich 15 Jahre alt war, klingelte es und ich sah am Gartentor eine älteren Mann im Mantel stehen. Ich dachte, das sei ein zahnmedizinischer Vertreter, der in die Praxis wollte und noch nicht wusste, dass wir mit unserer Praxis nach dem Tod meines Opas in die Stadt umgezogen waren. Ich ging also hin und sagte direkt, dass er ja sicher in die Praxis wolle und dazu so und so laufen müsse.
      Der Mann im Mantel sah mich an und sagte nur: „Nein, Sabine ich wollte zu deiner Mutti. Ich bin dein Vater.“ Er drehte sich um und ging langsam weg.
      Ich war wie vom Schlag getroffen und irgendwo zwischen Hoffnung, Angst, Freude und Wut.
      Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich meinen Vater sah.

      Er war ein sogenannter Zahlvater. Er hat monatlich für mich Unterhalt bezahlt. Nicht den vollen Betrag, denn er hatte insgesamt sieben Kinder. Drei aus der ersten Ehe, dann mich und dann nochmals drei. So wurde es mir erzählt. Ob es so ist, weiss ich bis heute nicht.

      Ich hatte in meiner Kindheit keinerlei Mangel. Die Familie war da, ich war bestens umsorgt und doch war da immer der Makel und doch war da immer das Fehlen des Vaters. Irgendwann habe ich den Mann meiner Tante gebeten, den Vater meiner Cousine, ob ich ihn wenigstens „Onkel Papi“ nennen dürfe. Durfte ich und doch war er nicht mein Vater. In keinem Punkt.

      Als ich in die Pubertät kam, und – so wie jedes pubertierende Mädchen – dachte: ich will nie wo werden wie Mama, da war da keine Papa, dem ich mich hätte zuwenden können. Die Folge war, dass ich mir sehr schnell einen Ersatz gesucht und geheiratet habe. Jetzt hatte ich endlich einen Mann. Einen Mann für mich. Einen Mann, der Mann war, Vater und Freund. Niemand hat begriffen, warum ich diesen 20 Jahre älteren Mann geheiratet habe und niemand hat sieben Jahre später begriffen, warum diese Ehe nicht halten konnte.

      Aus meiner 2. Beziehung habe ich zwei Kinder. Beide leben mit dem Makle jeweils mit nur einem Elternteil aufwachsen zu müssen. Der Ältere ist heute erwachsen und wuchs bei mir alleine auf, weil die Beziehung zu seinem Vater gescheitert war. Aus einem Wiederholungsversuch der Beziehung entstammt sein kleiner Bruder. Auch diesmal ist die Beziehung mit dem Vater gescheitert. Der kleinere lebte zunächst zwei Jahre in unserer Ehe, sechs Jahre bei mir alleine und jetzt seit dreieinhalb Jahren bei seinem Vater. Glücklich ist er nicht.

      Weil ich als Single-Kind aufgewachsen bin, kann ich vielleicht „Beziehung“ nicht. Und weil da keinerlei Hilfe war, konnte ich es auch nicht lernen. Und weil ich es nicht gelernt habe, machte ich sicherlich viele Fehler in meinen eigenen Ehen. Und weil ich diese Fehler gemacht habe, wuchsen bzw. wachsen unserer Kinder wieder als Single-Kinder auf …..
      Das ist ein Teufelskreis.

      Nun wäre das Ganze nicht weiter beachtenswert, wenn ich da tatsächlich einer jener oft zitierten „Einzelfälle“ wäre. Das bin ich aber nicht. Solche wie mich gibt es viele. Viele Frauen, die ohen Vater aufgewachsen sind und daher einfach nicht lernen, wie das Zusammenleben zwischen Mann und Frau (in diesem Fall ihren Eltern als Vorbild) so ist. Viele Männer, die als Single-Kind mit Mama aufgewachsen sind und einfach nie in ihre Rolle als Mann schlüpfen konnten, weil ihnen hier das Vorbild dazu – der Papa – gefehlt hat. Der neue Mann der Mama wird von beiden, also von dem Sohn wie auch der Tochter immer ein Stück weit als Konkurrenz um die Liebe, als Kontrahent und die Gunst der Mutter angesehen wird. Selten gelingt in solchen zusammengesetzten Familien ein gutes familiäres Miteinander zum Wohle aller. Nicht umsonst kommt es in diesen Familien vermehrt zu „Übergriffen“ seien sie sexueller, körperlicher oder seelischer Art.
      Nicht umsonst generieren aus solchen Familien vermehrt Kinder mit Diagnosen wie AD(H)S, Borderline, posttraumatisches Belastungssyndrom. Nicht umsonst generieren aus solchen Familien ein Großteil unserer Schulabbrecher, jugendlichen Delinquenten, Straßenkindern und Konsumenten von Drogen und Alkohol.

      Ich hatte Glück: keine Drogen, kein Alkohol, Schulabschluss geschafft, Studium ebenfalls, Job vorhanden, sebstfinanzierend lebend und noch dazu in der Lage, den Lebensunterhalt für meinen Sohn zu erwirtschaften und dem Job-Center des Vaters zu überweisen. Uff..
      Geschafft, ja aber zu welchem Preis...

      Glück sieht anders aus. Ich hätte gerne irgendwann den Mann meines Lebens kennengelernt und mit ihm eine glückliche Familie gegründet. Häuschen gebaut, Kinder ideal aufs Leben vorbereitet, viel Schönes erleben dürfen. Die Sicherheit fürs Alter erworben, gebraucht, geschätzt, geliebt zu werden und vorgesorgt zu haben. Davon habe ich leider nur ganz wenig geschafft.

      Warum nicht? Niemand hat damals als wir aus den geburtenstarken Jahrgängen als erste Single- oder Scheidungskinder aufgewachsen sind, die Notwenigkeit erkannt, dass diese Kinder Unterstützung und Hilfe gebraucht hätten. Der Staat war damals in seiner Funktion als Wächter und Helfender nicht da. Wir haben uns versucht uns selbst zu helfen. Wir waren in Gruppen zusammen, haben unsere eigene Jugendarbeit auf die Beine gestellt. Aber das Eigentliche, der Mangel des anderen Elternteils war ein Tabu-Thema, weil es ja ein Makel war, vaterlos zu sein.

      Heute wächst ein immer größerer Teil der Kinder als „Single-Kinder“ auf. Immer mehr Kinder wissen gar nicht, wer ihr Vater ist; Mama ist „alleinerziehend“. Das ist der Makel der heutigen Zeit: nicht mehr „unehelich oder außerehelich“ sondern „alleinerziehend“. Inhaltlich ist der Makel der gleiche geblieben. Er impliziert: der Vater kümmert sich nicht, hat sich vom Acker gemacht, die arme Mutter muss alles alleine machen, das Kind ist arm und allein.

      Deshalb finde ich es so pervers, wenn unser Familienministerium ständig diesen diskreditierenden Titel „alleinerziehend“ verwendet. Und ich empfinde es als höchst problematisch, wenn wir ständig neue Hilfen und Erleichterungen für „die Alleinerziehenden“ schaffen, aber nicht für jene, die als „Single-Kinder“ erzogen werden und auch nicht für jene Elternteile, denen das Recht auf Erziehung ihrer Kinder abgesprochen wird.

      Meiner Meinung nach brauchen wir hier einen Paradigmenwechsel. Ein totales Umdenken. Ein Kind hat immer zwei Eltern. Und diese beiden Eltern sind durch nichts und niemanden zu ersetzen. Natürlich gibt es Fälle, in denen einer der beiden Elternteile oder gar beide nicht in der Lage sind, ihre elterlichen Aufgaben zu meistern. Da ist es dann des Staates oberste Aufgabe, diesen Eltern zu helfen. Nicht indem man die Kinder da einfach herausnimmt und anderweitig weiter vermittelt. Den eltern muss mit dem Kind geholfen werden. Hier sehe ich einen großen Bedarf an aktiven Hilfen. Hier sehe ich ein gut machbares Aufgabengebiet unserer Kirchen und Sozialverbände. Nehmen wir doch mal so eine Hartz IV Familie. Wenn man ein solche Familie komplett betreuen würde, zum Beispiel in einem Kloster, wo ihnen ein geregelter Tagesablauf beigebracht wird, kochen, arbeiten gemeinsam leben, lachen und ihnen Arbeitsstellen vermitteln würde, dann wäre viel geholfen.
      Ich habe gestern wieder ein Kind aus der 1.Klasse bekommen. Bei Eltern sind nach Deutschland gekommen, weil es hier mehr Geld für Arbeit gibt. Sie stammen aus Italien. Beide Eltern sprechen kein Wort Deutsch, haben auch keine Zeit, Deutsch zu lernen, weil beide arbeiten. Papa als Maschinenführer mit 40 Arbeitsstunden und Mama in einer Putzkolonne. Beide brauchen in ihrer Arbeit nur einige wenige Worte. Das Kind sitzt in der Schule und versteht kein Wort. Förderzentren gibt es nicht mehr, dank EU. Also bleibt es automatisch auf der Strecke, sofern hier nicht aktive Hilfe da sein wird. Dieses Kind hat Glück. Meine Kollegen und ich werden mit ihm lernen... Aber dieses Kind ist ein Einzelfall.
      Es ist kein Single-Kind, wächst aber fast so auf, denn Mama und Papa sind tagsüber nicht da.
      edy is back again
    • Die Not der Single-Kinder Teil 2

      Mit Sabine Rupp Tel.: 09174 / 999770 von 8:00 bis 11:00 und ab 20:00 Uhr.
      eMail : Kinderrechte@isuv.de


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      Ich denke, wir brauchen ein totales Umdenken. Wir müssen umdenken. Warum gibt es so viele Kinder, die ohne Liebe, ohne Familienplanung in die Welt kommen. Warum kümmert sich keiner um die Kinder? Warum sind die Eltern oft wichtiger als die Kinder? Warum wird der Mutter mit PTBS geholfen, aber ihrem Kind nicht, das ja sicherlich auch unter der Belastung der Mutter zu leiden hat? Warum können sich so viele Elternteile aus der Verpflichtung als Vater oder Mutter einfach heraus stehlen? Und warum wird es „alleinerziehenden Elternteilen“ so einfach gemacht gemacht, den anderen Elternteil auszugrenzen, zum „Zahlvater“ oder zur „Zahlmutter“ zu degradieren. Warum gelingt es, dass unterhaltspflichtige Elternteile einfach aufhören zu arbeiten um nicht mehr zahlen zu müssen. Warum sind die Unterhaltsberechnungen so weit von der Realität entfernt? Die Düsseldorfer Tabelle widerspricht den Leistungssätzen der Sozialämter. Da entstehen kuriose Situationen. Nur ein Beispiel: Ich zahle ans Jobcenter 364,-€ Unterhalt. Der Vater erhält für unseren Sohn 272,-€ davon. Ich zahl also auch noch die Miete mit und darüber hinaus. Denn für ein Zimmer pro Kind werden derzeit 80,-€ angerechnet. Außerdem wäre hier der Vater in der Pflicht..
      Ich appelliere an unsere Parteien, die sich gerade für den Wahlkampf der Bundestagswahl aufstellen, sich mit all diesen Dingen einmal auseinander zu setzten und Antworten zu finden. Gerade jene Parteien, die ein „s“ für sozial in Ihrem Namen führen, währen dazu geradezu verpflichtet. Finden wir dazu etwas bei der SPD? Nein, Bei der CSU? In Ansätzen. Bei den Grünen? Sicher nicht. Bei den Linken? Auch nicht. Bei der AFD? Wurde es gestrichen. Bei der FDP findet sich als einzige Partei das Wechselmodell, eine neuere gerechtere Unterhaltsberechnung wieder.
      Und bei den Kirchen? Da wird dieses Thema totgeschwiegen. Da spricht man lieber über Flüchtlinge anstatt über die Not des eigenen Volkes, aus purer Angst, ansonsten als „völkisch“ dargestellt und in die rechte Ecke abgeschoben zu werden.
      Wir im ISUV sprechen über dieses Thema. Wir treten damit an die Politik heran und wir gehen damit mit unseren Mitgliedern, die um Hilfe bitten aktiv um.

      Ich bin ein „Single-Kind“, dem es noch relativ gut geht, und das tut es, weil ich mich mit dem Thema auseinander gesetzt habe und aktiv versuche, Abhilfe zu schaffen. Ein ganz kleines Kieselsteinchen nur, aber auch kleine Kieselsteine können Lawinen auslösen.

      Sabine Rupp
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