Das fremde Kind - Zur Situation von Stiefeltern (in Spe)

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    • Das fremde Kind - Zur Situation von Stiefeltern (in Spe)

      Das fremde Kind


      Niemand sitzt gerne zwischen den Stühlen. Und doch ist es exakt der Platz, den Stiefmütter und Stiefväter oft vorfinden, wenn im inneren Bild die „Familie“ gezeichnet wird.
      Ob verheiratet oder nicht, zusammen lebend oder frisch verliebt – ein Partner mit einem Kind aus einer früheren Beziehung ist anders. Die Beziehung mit ihm oder ihr ist anders und muss anders sein als jene, die man sonst mit klassischen Alleinstehenden erlebt haben mag.



      Der Partner / Die Partnerin

      Es beginnt schon mit dem Partner oder der Partnerin selbst. Erfahrungen, Erinnerungen und womöglich Traumata aus einer gescheiterten Beziehung, die deutlich über den typischen Trennungsschmerz hinausgehen, kommen mit in die neue Beziehung, denn es sind Kinder im Spiel. „Aus den Augen aus dem Sinn“ geht nicht. Der frühere Partner, der Vater oder die Mutter des Kindes, ist latent präsent im „neuen“ Leben, sei das durch laufende Gerichtsverfahren oder schlicht durch die neue Mütze, die das Kind beim Umgang trägt und die so gar nicht dem eigenen Geschmack entspricht.
      Das bekannte, klare Ende einer Beziehung scheint zu fehlen. Der notgedrungene Kontakt zum ehemaligen Partner belastet nicht selten die neue Beziehung von Beginn an. Eifersucht spielt eine Rolle, aber auch der schwierige Umgang mit Fragen rund um die Kinder. Nicht selten empfindet der neue Partner/die neue Partnerin das bisherige Vorgehen als falsch, als zu zögerlich oder zu forsch, zu desinteressiert oder überengagiert.
      Nicht selten verändert sich die Situation zwischen den getrennten Eltern erheblich, sobald neue Partner in die Situation hinzukommen. Manchmal zum Besseren, häufig jedoch auch zum Schlechteren.



      Der/die Ex

      Dann ist da der/die scheinbar allgegenwärtige Expartner/in, der Vater oder die Mutter des Kindes. Oft entwickelt sich schon von Beginn an eine enorme Unsicherheit im Umgang mit dieser in klassischen Beziehungen nicht präsenten dritten Person, die ständig da und nicht da zu sein scheint, Einfluss zu nehmen scheint auf Belange des täglichen Lebens und doch, manche begegnen ihm oder ihr nie persönlich.
      Eifersucht ist ein häufiges Problem. Denn gewöhnlich sind ehemalige Partner nicht ständig Thema in einer neuen Beziehung und sei es nur, weil man sich bezüglich der Kinder verständigen muss. Die nagende Frage, ob diese fortgesetzte Nähe die eigene Beziehung bedroht, kann dieselbe schnell wieder zerstören. Verstehen sich die getrennten Eltern gut, ist Eifersucht schnell entwickelt. Verstehen sie sich nicht, streiten sich, womöglich sogar vor Gericht, dann wird der/die Ex zum Feindbild, zur latenten Bedrohung für die Ruhe und Harmonie in der neuen Beziehung.
      Auch umgekehrt ist Eifersucht von Seiten der/des Expartner/in ein großes Thema. Nicht selten beginnen Probleme just mit Entstehen einer neuen Beziehung bei einem der Elternteile aus Angst des anderen, ersetzt zu werden. Da wird der neue Freund der Mutter zum „Papaersatz“ oder die neue Freundin des Vaters zur „Ersatzmama“ fantasiert. Eine Katastrophe, wenn dann das Kind sich auch noch ausnehmend gut mit dem neuen Partner zu verstehen scheint.
      Ein weiterer, sehr kritischer Punkt, ist der Wunsch, eine „typische“ Familie mit einem neuen Partner quasi nachzubauen. Da wird der/die Ex plötzlich zum erheblichen Störfaktor im Bild, denn dort sind nur drei Parteien vorgesehen – Vaterfigur, Mutterfigur und Kinder. Und wenn der neue Partner oder die neue Partnerin gefühlt die Vater- oder Mutterrolle übernehmen soll, dann ist kein Platz mehr für den/die Ex, biologische Elternschaft scheint gegenüber gelebtem Alltag in den Hintergrund zu treten.



      Das Kind / die Kinder

      Und dann ist da das Kind, das nicht das eigene ist, zum Partner jedoch „Papa“ oder zur Partnerin „Mama“ sagt und damit völlig Recht hat.
      Je nach Alter und teils auch nach Geschlecht des Kindes variieren die Probleme neuer Partner von Fragen der eigenen Verantwortlichkeit über die Regeln und Grenzen im Umgang mit diesem fremden Kind bis hin zu der Frage, was tun, wenn das Kind meines Partners mich offen ablehnt und anfeindet.
      Während der eine Stiefvater sich fragt, ob er mit dem Töchterchen der Partnerin gemeinsam baden darf, stellt sich für eine andere Stiefmutter womöglich die Frage, wie sie ihre eigenen Interessen vertreten kann, wenn der zwölfjährige Sohn des Partners ihr gegenüber offen feindseelig auftritt. Wer steht wo und zu wem steht derjenige, dessen Kind es ist?
      Darf man an der Erziehung mitwirken oder sollte man das sogar tun? Hält man sich lieber gänzlich heraus und ist das überhaupt möglich? Wenn die Interessen und Wünsche des Kindes stets im Mittelpunkt stehen – ist dann überhaupt Raum für einen neuen Partner und dessen Bedürfnisse?
      Was wenn eines Tages der lange befürchtete Moment kommt und das Kind verplappert sich und sagt „Mama“ oder „Papa“, obwohl er oder sie grade gar nicht anwesend ist, sondern „nur“ der Stiefelternteil? Wie nah darf man diesem fremden Kind kommen? Und wem könnte es schaden?



      Die Anderen

      Ob Behörden oder Freunde, Familienmitglieder oder Prozessbeteiligte – schnell realisieren Stiefeltern, dass sie eine ganz neuartige und vollkommen eigene Wahrnehmung bei Dritten auslösen.
      Da sind die Mitarbeiter der Erziehungsberatung, die mit dem Stiefelternteil keine Gespräche führen wollen, weil der Datenschutz es nicht erlaube. Da sind die Familiengerichte, zu denen Stiefeltern keinen Zutritt haben, auch wenn sie seit Jahren mit dem betroffenen Kind unter einem Dach leben.
      Fremde unterstellen natürlich sofort die biologische Elternschaft für das Kind, mit dem man im Park spazieren geht oder den Zoo besucht. Auch hier ist der/die Ex omnipräsent, denn dessen oder deren „Titel“ wird fälschlich zugeordnet.
      Nicht selten haftet auch noch immer ein gewisser Makel an der Rolle der/des „Neuen“ im Leben eines getrennt lebenden Elternteils. Skeptische Blicke und argwöhnische Nachfragen sind keine Seltenheit. Nicht wenige erleben, dass im Streitfall per se erst einmal hinterfragt wird, ob nicht der neue Partner Auslöser für die entstandenen Probleme sein könnte.
      Und auch die Familie des Partners hat nicht selten Schwierigkeiten, die Situation zu ordnen. Ob die Schwiegermutter in Spe mit der Ex Kaffeetrinken geht und von der Neuen des Sohnes nichts wissen will, oder der Schwiegervater in Spe ohne Not darauf besteht, dass der Enkel nur einen Vater habe und das sei nicht der neue Freund der Mutter, ist dabei unerheblich, denn in jedem Fall ist es belastend und mitunter sehr verletzend.



      „Und Sie sind?“

      Stiefeltern und Partner getrennt lebender Eltern geraten in eine Identifikationskrise. Sie sollen viel, dürfen wenig und die Erwartungen schwanken je nach Situation und Perspektive ganz erheblich. Um die Kinder sollen sie sich liebevoll und gewissenhaft kümmern, als seien sie die eigenen. Keinesfalls sollen sie sich jedoch verhalten, als wären es die eigenen und Abstand halten. Offen und einsatzbereit sollen sie sein, während sie sich heraushalten. Bestärken und Unterstützen sollen sie, während es sie nichts angeht.


      Da liegt ein Kissen in der viel zu schmalen Spalte zwischen den Stühlen und alle weisen dem neuen Partner/der neuen Partnerin den Weg dort hin.

      Wer einen eigenen Stuhl möchte, wird nicht umhin kommen, ihn sich zu nehmen und selbst dort zu platzieren. Vielleicht auch unter Verrücken der übrigen Sitzgelegenheiten.
      Nichts macht die Menschen so unverträglich wie das Bewußtsein, genug Geld für einen guten Rechtsanwalt zu haben.
    • Hallo Tin,
      danke für die Einstellung deines Beitrages im Forum.
      Würdest du ihn bitte im "Plausch" einstellen?
      In dem vorgeschlagenen Bereich kann ausgiebig diskutiert werden, ohne dass die/der Themenstarter/in eine Frage gestellt hat.

      Vielen Dank und ein schönes Wochenende

      heute